Sun 8 Feb 2009
Sun 8 Feb 2009
Thu 5 Feb 2009
Ganz ehrlich: Ich versteh die ganze Aufregung um den Vatikan nicht. Dessen rückwärtsgewandtes, latent bis offen antisemitisches, frauenfeindliches und homophobes, reaktionäres und absolutistisches Weltbild ist doch nun wirklich hinreichend bekannt. Da wird von schlechtem Krisenmanagement geschrieben, als sei der Papst eine Bank. Noch vor wenigen Jahren wurde der Hype um die katholische Kirche z.B. beim Weltjugendtag damit begründet, dass der Papst eben der Fels in der Brandung sei, dass das konservative eben genau das sei, was die Gläubigen wollten und was den Katholizismus zu solch einem Erfolgsmodell macht.
Alles, was es im Umfeld dieses aktuellen “Skandals” zu wissen gibt, ist doch längst bekannt: Die Macht ultrareaktionärer Kirchenmänner im Vatikan. Der bestenfalls naive, schlimmstenfalls respektlose Umgang mit anderen Religionen wie in Regensburg oder die Karfreitags-Fürbitte.
Mich erinnert der Umgang mit dem Papst an den mit Russland: Solange einem der Chauvinismus nicht zu Nahe kommt, sondern sich gegen die “Anderen” richtet, handelt es sich um “lupenreine Demokraten”. Nicht aber die Exzesse sind das Problem, sondern die Methode dahinter. Das Nicht-Wissen-Wollen, der Anspruch unfehlbar zu sein oder zumindest etwas ganz Besonderes, das Hinhalten, die Machtspielchen, das Vorgehen gegen KritikerInnen. Und alles im Namen einer Einheit: der einigen Kirche, des einigen Russlands.
Wer daran etwas ändern will, darf nicht immer erst protestieren, wenn der Eklat schon da ist. Sondern muss auch an ganz normalen Tagen sagen, wie es ist: Dass nämlich Aufklärung, Freiheit und Menschenrechte höhere Güter sind als Gehorsam, Glauben und Gemeinschaft.
Â
Tue 27 Jan 2009
Mon 26 Jan 2009
Ich bin richtig zufrieden mit der grünen Europaliste. Eine tolle Mischung, von der ich glaube, dass sie sehr gut zusammenarbeiten kann. Mit Reinhard Bütikofer und Heide Rühle sind zwei dabei, die lange Jahre für die Gesamtpartei Verantwortung getragen haben. Barbara Lochbihler und Sven Giegold bringen wichtige Kontakte in NGO mit - bleibt bei Sven zu hoffen, dass er sich auch tatsächlich als Grüner fühlt und nicht nur als Attaci auf grünem Ticket. Mit Rebecca Harms, Michael Cramer und Helga Trüpel bleiben drei erfahrene Abgeordente an Bord, die sich durch ihre Arbeit der letzten Jahre viel Rückhalt und Vertrauen erworben haben. Mit Werner Schulz und Martin Häusling kommen zwei “Neue” mit viel Erfahrung und Talenten, die die Fraktion gut gebrauchen kann.
Und schlussendlich sind mit Ska Keller, Franziska Brantner und Jan Philipp Albrecht drei junge Leute auf der Liste, die exzellent vernetzt sind, klare Vorstellungen davon haben, wie Europa ist und wie es sein sollte - und VertreterInnen einer neuen Generation sind, die hoffentlich eine Brücke schlägt zwischen den GründerInnen der Grünen und den jüngeren Menschen in Europa. Und alle drei bringen aus der Grünen Jugend viel Erfahrung mit geschlechtergerechter Politik mit, Franziska natürlich ganz besonders, worüber ich mich deshalb auch riesig freue.
Nun müssen die Grünen nur noch mindestens 12 Sitze bekommen, damit die oben genannten auch alle drin sind. Wenn’s Euch also nichts ausmacht: Im Juni bei der Europawahl grün wählen!
Sat 24 Jan 2009
Was mich immer, wirklich immer wieder verwundert: Die Selbstüberschätzung mancher Menschen, speziell Männer. Aktuell zum Beispiel die Kandidatur Lechers für Platz 4 der grünen Europaliste.
Erstaunlich.
Fri 23 Jan 2009
Das fängt an mit der Verwendung des Wortes “früher”. “Früher gab es feste Vorstellungen, was aus Jungen werden soll: Ernährer, Beschützer, Bestimmer.”, “In früheren Zeiten war der Vater für den Sohn eine Identifikationsfigur, die ihm vieles über ein Leben als Mann beibrachte.”, “Früher waren Jungen ältere oder jüngere Brüder, übernahmen im und außerhalb des Hauses Aufgaben, gingen durch Initiationsriten ins Erwachsenenleben, um Ernährer und Beschützer, meist auch Bestimmer zu werden. “, “In früheren Zeiten war die Rolle, die Männer in der Gesellschaft zu übernehmen hatten, klar besetzt, man wurde beim Militär gedrillt, musste in den Krieg ziehen. Zu Hause galt es schwere körperliche Arbeit zu verrichten oder Vaters Geschäft zu übernehmen. Man gründete eine Familie und überwachte streng die Kinderschar.”.
Das “Früher”, dass da so beschworen wird, war bloß leider nicht so einheitlich wie die Autorin gerne glauben machen möchte. Vor der Industrialisierung waren die meisten Männer und Frauen in der Landwirtschaft tätig, eine klassische Arbeitsteilung gab es damals nicht, zu vielfältig waren die Aufgaben, zu sehr zählte körperliche Leistungsfähigkeit. Eine junge, kräftige Frau, die während der Heuernte in der Küche Erbsen puhlt? Wohl kaum. Körperlich schwere Arbeit wurde und wird auch von vielen Frauen verrichtet, wer’s nicht glaubt, kann sich weltweit die Jobs in der Landwirtschaft, der Pflege, von Wanderarbeiterinnen und Näherinnen ja mal angucken.
Und “der Bestimmer”, der “Vaters Geschäft” übernimmt? Das galt damals wie heute für eine männliche Minderheit, nämlich nur einen der Söhne und sowieso nur für einen der Söhne eines Besitzers. Die anderen wurden Knechte oder Gesellen, Wanderarbeiter oder Mönche, Soldaten oder Unternehmer.
Und die Kriege? Aus denen kamen Männer noch nie gestärkt nach Hause, sondern meist an Körper und Seele verletzt und verstümmelt, oft genug gar nicht.
Diese verdammte Mythenbildung von der wahren Mannwerdung, von dem Schmelzbad, aus dem das männliche Kind gehärtet und gereift hervorging, ist doch das exakte bürgerliche Ebenbild zu World of Warcraft, zu Rocky und Rambo, zu Pornografie und Waffenwahn.
Wenn jeder kleine Junge ein Bestimmer werden soll - über wen bestimmt diese Hälfte der Menschheit dann? Frauen? Schwarze? Ungläubige? Schwache?
Und ja, Jungen haben es oft schwer. Späteestens in der Pubertät haben es alle Kinder schwer, männliche und weibliche. Jungs prügeln sich, Mädchen haben andere Wege sich das Leben zur Hölle zu machen. Jungs hängen vor’m Rechner, Mädchen über’m Klo. Jungs lernen nicht lesen, Mädchen lernen nicht zu kämpfen. Jungs haben als Vorbild vielleicht keinen Vater, dafür Dieter Bohlen, Mädchen wissen nicht, wie sie das Bild von ihrer Mutter und Heidi Klum in Einklang bringen sollen. Männer bringen sich um (und vorher ihre Familien), Frauen nicht (wegen der Kinder). Männer sterben früher, dafür haben sie vorher eine auf ihren Körper abgestimmte Medizin erhalten, Frauen leben länger, davon aber länger krank - oft wegen Unter-, Mangel- und Fehlversorgung.
Ja, es stimmt: Die schulische Bilanz vieler Jungen ist erschreckend. Die der Mädchen scheint so viel besser zu sein, da muss es den Frauen ja bald besser gehen als den Männern. Aber, oh Wunder!, schon mit Anfang 20 sieht’s für die Jungs gar nicht mehr so schlecht aus. Obwohl sie angeblich die totalen Verlierer sind, gab’s auf dem Arbeitsmarkt noch eine Stelle. Und die Mädchen? Die Gewinnerinnen des Schulsystems? Sind irgendwo zwischen Ausbildung und Uni, Teenagerschwangerschaft und Bewerbung, Assessment Center und Ende der Probezeit durch’s Rost gefallen.
Die Jungs haben vielleicht nicht lesen gelernt, aber etwas viel Wichtigeres: Dass sie einen Wert haben, dass die Welt nur auf sie wartet, dass sie das Recht haben, “Bestimmer” zu werden. Dass schulisches Wissen nicht alles ist, weil es sowieso eine kurze Halbwertszeit hat und man erst nach der Schule für’s Leben lernt. Dass man ja alles googlen kann und es genug Jobs gibt, in denen es wichtiger ist, welchen Fußballverein man toll findet, als welches Buch man als letztes gelesen hat.
Und dass die Welt voll ist mit Männern, die es auch irgendwie geschafft haben, aber voller Frauen, die es trotzdem nicht geschafft haben.
“Doch Jungen müssen auf ein Leben als Mann vorbereitet werden. Sie brauchen Bewegung, Abenteuer, Herausforderungen, sie müssen Mut und Zivilcourage lernen. Unter Männern.”
Auch Mädchen müssen auf ein Leben als Mann vorbereitet werden, sie brauchen Bewegung, Abenteuer, Herausforderungen, sie müssen Mut und Zivilcourage lernen. Unter Männern.
Denn dort werden sie bestehen müssen, wenn ihre Bildung sie nicht geradewegs in die Sackgasse typischer Frauenberufe führen soll. Wenn sie nicht Mutterschaft als Ausweg sehen sollen, sich nicht im Konkurrenzkampf des Arbeitsmarktes behaupten zu müssen. Niederlagen, Liebesentzug vermeiden, indem sie gleich in die häusliche Sphäre abtauchen, abhängig von Staat, Männern, Eltern.
“Und das Wort Macho ist lange schon zum Schimpfwort mutiert.”
Wo das denn? Schimpfwörter unter Jungs sind “Opfer”, “Schwuchtel”, “Mädchen”. Macho zu sein, ist in Deutschland unter Männern und Frauen vollständig akzeptiert. Natürlich freuen sich alle, wenn der Macho ein Mindestmaß an Manieren hat, aber wenn ihm mal die Hand ausrutscht (Dieter Bohlen), er Zwangsprostituierte vögelt (Michel Friedmann), SM-Sex genießt (Max Mosley), ständig Leute beleidigt (Raab, Pocher), prinzipiell keine Manieren hat (Welfenprinz) - dann ist das doch kein Grund, gesellschaftlich geächtet zu werden. Im Gegenteil. Wer hätte je von einem Mann auf Deutschlands Olymp gehört oder gelesen, der Elternzeit genommen hat? Außerhalb von Sportstadien weint? Pünktlich Feierabend macht, um die Kinder zu versorgen?
” Macht es vielleicht keinen Spaß mehr, ein Mann zu werden?”
Gegenfrage: welcher Mann möchte lieber eine Frau sein?
Dachte ich’s mir doch.
“Was ist das aber, das junge Männer dazu treibt, immerzu im Mittelpunkt stehen zu müssen? Und sei es durch Gewalt.”
Na, was wohl? Eine Welt, die einem Jungen signalisiert, dass er zu herrschenden Klasse gehört. Dass Männer regieren, Geschäfte machen, Frauen haben, Frauen kaufen. Eine Welt, die signalisiert, dass Gewalt eine Lösung ist, weil der Verzicht auf Gewalt erst recht ein Zeichen für Schwäche ist. Eine Welt, die Männer immer in den Mittelpunkt stellt, selbst wenn sie Millionen Euro versenken, Firmen ruinieren, machtgeil, geldgeil, sexgeil sind. In der ein mittelmäßiger Mann immer noch jeder Frau überlegen ist, weil sie ja vielleicht Mutter wird - und jeder weiß ja, dass Mütter nur noch ans Stillen, Windeln wechseln, Händchenhalten und Wäsche waschen denken.
“Männer, das sind schon seit Jahrzehnten nur noch die Herren der Erschöpfung. Inzwischen trauen sich gestandene Männer oft nicht mal mehr, Frauen zu erobern. Ein 50-Jähriger, der früher nichts anbrennen ließ, gesteht, es sei ihm “peinlich”, draufgängerisch auf eine Frau zu wirken.”
Hallo?! Wer so über Männer schreibt, muss sich doch nicht wundern, dass die Kluft zwischen Klischee und Wirklichkeit immer größer wird. Natürlich ist ein 50-Jähriger peinlich, der sich als der große Frauenflachleger präsentiert. Für die 20-Jährigen ist er (zu Recht) ein alter Sack und welche 50-Jährige will denn von einem Gleichaltrigen zu ‘ner Nummer im kleinen schwarzen Buch degradiert werden?
Brauchen Jungs Hilfe? Ja. Hilfe vor diesen PseudohelferInnen, die ihnen und den Mädchen doch wieder nicht die Wahrheit sagen: Dass es kaum Helden gibt oder je gab. Dass es wichtigeres im Leben gibt, als im Mittelpunkt zu stehen oder die Nummer eins zu sein. Familie, Freunde, Hobbys, kleine Abenteuer, Sinn. Dass, wer Leute bewundert, die in Wirklichkeit Vollidioten sind, von Leuten beherrscht werden wird, die genau solche Vollidioten sind.
Thu 22 Jan 2009
Wed 21 Jan 2009
So. Nun habe ich mich lange genug gedrückt, in meinem Blog über Gaza zu schreiben. Ich kann nicht weiterbloggen, bevor ich mich dazu geäußert habe, also tu ich das jetzt.
Am meisten erschreckt mich wie taub, blind und doof sich viele Menschen stellen, um sich mit der palästinensischen Zivilbevölkerung solidarisieren zu können. Natürlich sollte Israel in Gaza keine ZivilistInnen töten. Aber aus Gaza sollten eben auch keine Raketen auf Israel abgefeuert werden, es sollten keine SelbstmordattentäterInnen nach Israel einreisen und das Existenzrecht Israels sollte von keiner Führung Gazas jemals in Frage gestellt werden.
Warum fällt es so vielen so schwer, dass das Wort “Existenzrecht” für jüdische Menschen einen anderen Klang hat als für deutsche Christen, arabische Muslime, atheistische SkandinavierInnen oder hinduistische InderInnen? Gaza ist sei “eingepfercht” schrieb neulich jemand. Und Israel? Von guten Freunden umgeben, oder was? Nach Deutschland kommt keinE AfrikanerIn ohne Visum und Gehaltsnachweis, aber die meisten Deutschen sind selbstverständlich der Meinung, Israel müsse seine Grenzen für Gaza bedingungslos öffnen. Für Hilfsgüter, das kann ich ja nachvollziehen. Ich bin sogar der Meinung, dass es Arbeitsvisa geben sollte. Aber einfach auf machen? Wäre ich Einwohnerin Israels wäre ich davon wohl nicht sehr begeistert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es im Nahen Osten nur Frieden geben kann, wenn die PalästinenserInnen einen eigenen Staat bekommen. Einen Staat, dessen Führung Israels Existenzrecht bedingungslos anerkennt. Die eigene Bevölkerung nicht wahlweise als Waffe oder Schutzschild missbraucht. Seinen BürgerInnen Freiheitsrecht einräumt. Die Rolle der Frauen stärkt.
Sollte der palästinensische Staat mehr sein als fundamentale (religiöse) Opposition zu Israel, dann können dort vielleicht sogar PalästinenserInnen nicht-muslimischen Glaubens leben.
Bis dahin bleibt mir zu hoffen, dass die Israelis nicht innenpolitischen Konflikte in außenpolitische Konflikte verwandeln, Obama und die USA als FreundInnen Israels auch klare Worte finden, welchen Schaden sich Israel mit der kriegerischen Außenpolitik der vergangenen Wochen zufügt, und EU und UNO nicht zerrissen werden, sondern wie Ägypten und Türkei zur Lösung des Konfliktes beitragen, anstatt ihn durch widersprüchliche Signale eher anzuheizen.
Was gar nicht geht: Einseitige Forderungen an Israel und die Verbrechen der Hamas mit einem kulturrelativistischen Schulterzucken abtun. Von PalästinenserInnen nicht genauso viel Verhandlungsbereitschaft, Friedfertigkeit, politischen Willen und Einhaltung der Menschenrechte zu erwarten wie von Israelis ist meiner Meinung nach rassistisch.
Ich bin gespannt auf die Debatte in Dortmund.