Heute erscheint im Abendblatt der
Nachklapp zum gestrigen Artikel über Jungenförderung. Und es ist zu genau dem Gebräu aus Halbwahrheiten, Unwahrheiten, Biologismen, Vorurteilen und Stereotypen gekommen, das angesichts der gestrigen Zitate und Berichterstattung schon zu erwarten war.
Das fängt an mit der Verwendung des Wortes “früher”. “Früher gab es feste Vorstellungen, was aus Jungen werden soll: Ernährer, Beschützer, Bestimmer.”, “In früheren Zeiten war der Vater für den Sohn eine Identifikationsfigur, die ihm vieles über ein Leben als Mann beibrachte.”, “Früher waren Jungen ältere oder jüngere Brüder, übernahmen im und außerhalb des Hauses Aufgaben, gingen durch Initiationsriten ins Erwachsenenleben, um Ernährer und Beschützer, meist auch Bestimmer zu werden. “, “In früheren Zeiten war die Rolle, die Männer in der Gesellschaft zu übernehmen hatten, klar besetzt, man wurde beim Militär gedrillt, musste in den Krieg ziehen. Zu Hause galt es schwere körperliche Arbeit zu verrichten oder Vaters Geschäft zu übernehmen. Man gründete eine Familie und überwachte streng die Kinderschar.”.
Das “Früher”, dass da so beschworen wird, war bloß leider nicht so einheitlich wie die Autorin gerne glauben machen möchte. Vor der Industrialisierung waren die meisten Männer und Frauen in der Landwirtschaft tätig, eine klassische Arbeitsteilung gab es damals nicht, zu vielfältig waren die Aufgaben, zu sehr zählte körperliche Leistungsfähigkeit. Eine junge, kräftige Frau, die während der Heuernte in der Küche Erbsen puhlt? Wohl kaum. Körperlich schwere Arbeit wurde und wird auch von vielen Frauen verrichtet, wer’s nicht glaubt, kann sich weltweit die Jobs in der Landwirtschaft, der Pflege, von Wanderarbeiterinnen und Näherinnen ja mal angucken.
Und “der Bestimmer”, der “Vaters Geschäft” übernimmt? Das galt damals wie heute für eine männliche Minderheit, nämlich nur einen der Söhne und sowieso nur für einen der Söhne eines Besitzers. Die anderen wurden Knechte oder Gesellen, Wanderarbeiter oder Mönche, Soldaten oder Unternehmer.
Und die Kriege? Aus denen kamen Männer noch nie gestärkt nach Hause, sondern meist an Körper und Seele verletzt und verstümmelt, oft genug gar nicht.
Diese verdammte Mythenbildung von der wahren Mannwerdung, von dem Schmelzbad, aus dem das männliche Kind gehärtet und gereift hervorging, ist doch das exakte bürgerliche Ebenbild zu World of Warcraft, zu Rocky und Rambo, zu Pornografie und Waffenwahn.
Wenn jeder kleine Junge ein Bestimmer werden soll - über wen bestimmt diese Hälfte der Menschheit dann? Frauen? Schwarze? Ungläubige? Schwache?
Und ja, Jungen haben es oft schwer. Späteestens in der Pubertät haben es alle Kinder schwer, männliche und weibliche. Jungs prügeln sich, Mädchen haben andere Wege sich das Leben zur Hölle zu machen. Jungs hängen vor’m Rechner, Mädchen über’m Klo. Jungs lernen nicht lesen, Mädchen lernen nicht zu kämpfen. Jungs haben als Vorbild vielleicht keinen Vater, dafür Dieter Bohlen, Mädchen wissen nicht, wie sie das Bild von ihrer Mutter und Heidi Klum in Einklang bringen sollen. Männer bringen sich um (und vorher ihre Familien), Frauen nicht (wegen der Kinder). Männer sterben früher, dafür haben sie vorher eine auf ihren Körper abgestimmte Medizin erhalten, Frauen leben länger, davon aber länger krank - oft wegen Unter-, Mangel- und Fehlversorgung.
Ja, es stimmt: Die schulische Bilanz vieler Jungen ist erschreckend. Die der Mädchen scheint so viel besser zu sein, da muss es den Frauen ja bald besser gehen als den Männern. Aber, oh Wunder!, schon mit Anfang 20 sieht’s für die Jungs gar nicht mehr so schlecht aus. Obwohl sie angeblich die totalen Verlierer sind, gab’s auf dem Arbeitsmarkt noch eine Stelle. Und die Mädchen? Die Gewinnerinnen des Schulsystems? Sind irgendwo zwischen Ausbildung und Uni, Teenagerschwangerschaft und Bewerbung, Assessment Center und Ende der Probezeit durch’s Rost gefallen.
Die Jungs haben vielleicht nicht lesen gelernt, aber etwas viel Wichtigeres: Dass sie einen Wert haben, dass die Welt nur auf sie wartet, dass sie das Recht haben, “Bestimmer” zu werden. Dass schulisches Wissen nicht alles ist, weil es sowieso eine kurze Halbwertszeit hat und man erst nach der Schule für’s Leben lernt. Dass man ja alles googlen kann und es genug Jobs gibt, in denen es wichtiger ist, welchen Fußballverein man toll findet, als welches Buch man als letztes gelesen hat.
Und dass die Welt voll ist mit Männern, die es auch irgendwie geschafft haben, aber voller Frauen, die es trotzdem nicht geschafft haben.
“Doch Jungen müssen auf ein Leben als Mann vorbereitet werden. Sie brauchen Bewegung, Abenteuer, Herausforderungen, sie müssen Mut und Zivilcourage lernen. Unter Männern.”
Auch Mädchen müssen auf ein Leben als Mann vorbereitet werden, sie brauchen Bewegung, Abenteuer, Herausforderungen, sie müssen Mut und Zivilcourage lernen. Unter Männern.
Denn dort werden sie bestehen müssen, wenn ihre Bildung sie nicht geradewegs in die Sackgasse typischer Frauenberufe führen soll. Wenn sie nicht Mutterschaft als Ausweg sehen sollen, sich nicht im Konkurrenzkampf des Arbeitsmarktes behaupten zu müssen. Niederlagen, Liebesentzug vermeiden, indem sie gleich in die häusliche Sphäre abtauchen, abhängig von Staat, Männern, Eltern.
“Und das Wort Macho ist lange schon zum Schimpfwort mutiert.”
Wo das denn? Schimpfwörter unter Jungs sind “Opfer”, “Schwuchtel”, “Mädchen”. Macho zu sein, ist in Deutschland unter Männern und Frauen vollständig akzeptiert. Natürlich freuen sich alle, wenn der Macho ein Mindestmaß an Manieren hat, aber wenn ihm mal die Hand ausrutscht (Dieter Bohlen), er Zwangsprostituierte vögelt (Michel Friedmann), SM-Sex genießt (Max Mosley), ständig Leute beleidigt (Raab, Pocher), prinzipiell keine Manieren hat (Welfenprinz) - dann ist das doch kein Grund, gesellschaftlich geächtet zu werden. Im Gegenteil. Wer hätte je von einem Mann auf Deutschlands Olymp gehört oder gelesen, der Elternzeit genommen hat? Außerhalb von Sportstadien weint? Pünktlich Feierabend macht, um die Kinder zu versorgen?
” Macht es vielleicht keinen Spaß mehr, ein Mann zu werden?”
Gegenfrage: welcher Mann möchte lieber eine Frau sein?
Dachte ich’s mir doch.
“Was ist das aber, das junge Männer dazu treibt, immerzu im Mittelpunkt stehen zu müssen? Und sei es durch Gewalt.”
Na, was wohl? Eine Welt, die einem Jungen signalisiert, dass er zu herrschenden Klasse gehört. Dass Männer regieren, Geschäfte machen, Frauen haben, Frauen kaufen. Eine Welt, die signalisiert, dass Gewalt eine Lösung ist, weil der Verzicht auf Gewalt erst recht ein Zeichen für Schwäche ist. Eine Welt, die Männer immer in den Mittelpunkt stellt, selbst wenn sie Millionen Euro versenken, Firmen ruinieren, machtgeil, geldgeil, sexgeil sind. In der ein mittelmäßiger Mann immer noch jeder Frau überlegen ist, weil sie ja vielleicht Mutter wird - und jeder weiß ja, dass Mütter nur noch ans Stillen, Windeln wechseln, Händchenhalten und Wäsche waschen denken.
“Männer, das sind schon seit Jahrzehnten nur noch die Herren der Erschöpfung. Inzwischen trauen sich gestandene Männer oft nicht mal mehr, Frauen zu erobern. Ein 50-Jähriger, der früher nichts anbrennen ließ, gesteht, es sei ihm “peinlich”, draufgängerisch auf eine Frau zu wirken.”
Hallo?! Wer so über Männer schreibt, muss sich doch nicht wundern, dass die Kluft zwischen Klischee und Wirklichkeit immer größer wird. Natürlich ist ein 50-Jähriger peinlich, der sich als der große Frauenflachleger präsentiert. Für die 20-Jährigen ist er (zu Recht) ein alter Sack und welche 50-Jährige will denn von einem Gleichaltrigen zu ‘ner Nummer im kleinen schwarzen Buch degradiert werden?
Brauchen Jungs Hilfe? Ja. Hilfe vor diesen PseudohelferInnen, die ihnen und den Mädchen doch wieder nicht die Wahrheit sagen: Dass es kaum Helden gibt oder je gab. Dass es wichtigeres im Leben gibt, als im Mittelpunkt zu stehen oder die Nummer eins zu sein. Familie, Freunde, Hobbys, kleine Abenteuer, Sinn. Dass, wer Leute bewundert, die in Wirklichkeit Vollidioten sind, von Leuten beherrscht werden wird, die genau solche Vollidioten sind.